Handeln bei kühlem Softdrink statt Abwarten und Tee trinken
Sauberes Wasser ist kein unendliches Gut mehr. Die Verteilung einer der wichtigsten Ressourcen – Wasser – ist in Deutschland Thema geworden. So navigiert die HPC AG Getränke-Abfüller durch Hitzesommer, den Dschungel von Wasserdaten und -anforderungen und Stakeholder-Interessen:
Die Sommer werden heißer, die Jahresdurchschnitts-Temperaturen steigen: Man könnte denken, Hersteller von Erfrischungsgetränken wären Gewinner in Zeiten des Klimawandels. Tatsächlich steigt die globale Nachfrage nach alkoholfreien Getränken nicht zuletzt, weil in vielen Ländern die Mittelklasse wächst. Gleichzeitig sind Abfüllbetriebe immer häufiger von Wasserknappheit betroffen – auch in Deutschland.
Die HPC AG unterstützt die Coca-Cola-Abfüller bei ihrem Wassermanagement. Keine leichte Aufgabe in Zeiten, in denen ein Hitzesommer auf den anderen folgt. Doch gerade die richtige Herausforderung für Dirk Münstermann und sein Team. Der Hydrogeologe Münstermann bohrte bereits für die Vereinten Nationen Brunnen, gab Standortortempfehlungen für eine Mülldeponie in Nepal und half, eine Sondermüll-Deponie in Israel zu sanieren. Angesichts solcher Projekterfahrungen sollte es eigentlich ein Leichtes sein, in Mitteleuropa Wasser zu fördern, um Erfrischungsgetränke zu produzieren. Falsch gedacht: “In den Jahren folgten sehr trockene Sommer aufeinander. Im Sommer 2020 waren die Grundwasserleiter in Deutschland nur noch zu zwei Dritteln gefüllt.” Dieser Gesteinskörper enthält Hohlräume und ist daher dazu geeignet, Grundwasser weiter zu leiten.
Die Coca-Cola-Abfüllanlage in Hildesheim musste bereits 2019 ihre Wasserlieferungen genau beobachten – Wasserknappheit mitten in Europa. “Natürlich bedeutet Wassermangel hierzulande etwas anderes als in vielen anderen Ländern. Dank ausgeklügeltem Wassermanagement können sich Abfüllanlagen auf die trockeneren Jahre einstellen. Die Bevölkerung merkt von den gedrosselten Wasserlieferungen nichts.” Mineralwasser, Apfelsaftschorle oder die berühmte Cola werden also in der Regel ohne Unterbrechung durch die Coca-Cola-Company angeboten. Nicht nur die Regale im Getränkemarkt bleiben voll, auch am Grundwasserpegel ist die Aktivität der Abfüller nicht spürbar. “Abgefüllt wird in der Regel mit Brunnenwasser. Selten wird gefiltertes Stadtwasser genutzt. In jedem Fall wird der Wasserpegel nie in den Grundwasserleiter hinein abgesenkt.”
Doch wie sollen nun die Abfüller ihren Betrieb angesichts niedriger Wasserpegel aufrecht erhalten? Münstermann, der für die HPC AG seit über einem Jahrzehnt Coca-Cola berät, weiß Rat: “Die Anlagen müssen nachhaltig betrieben werden. Zudem müssen alle Akteure im Umfeld, ob kommunaler Wasserversorger, Landwirtschaft oder Industrie, einbezogen werden. Solches Stakeholder-Management wird immer wichtiger und ist wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.”
Aktuelle Entwicklungen geben ihm recht. Erst im Sommer 2020 gründete sich in Lüneburg eine Bürgerinitiative gegen einen von Coca-Cola geplanten Brunnen. Bereits seit 2007 fördert der Erfrischungsgetränke-Hersteller dort Grundwasser – bislang bis zu 350 Millionen Liter pro Jahr. Die lokale Geologie ist perfekt: Es bildet sich viel Grundwasser – geschützt von dicken Tonschichten. Keine Verschmutzung, etwa aus der Landwirtschaft, erreicht dort das Grundwasser. Produziert werden dort vor allem die ViO-Getränke, deren Nachfrage wächst. Gern würde Coca-Cola das Fördervolumen auf 700 Millionen Liter steigern. Ein Vielfaches des genutzten Grundwassers bildet sich dort jährlich.
Ein idealer Standort wurde bereits gefunden – in der Nachbargemeinde Reppenstedt. Doch bereits der bloße Pumpversuch stieß auf massiven Widerstand von Anwohnern. Und ein Pumpversuch ist unerlässlich für ein hydrogeologisches Gutachten. Der Grund für den Widerstand: Manche Menschen deuteten diesen Pumpversuch als ein Schaffen von Fakten, da ihnen das technische Hintergrundwissen fehlt. Und auch die hydrogeologische Auswertung durch ein kommunales Gremium wurde nicht als unabhängig wahrgenommen.
Angesichts verhärteter Fronten zwischen Betreibern und Anwohnern, aber auch der Schwierigkeit, technische Details und wissenschaftliche Einschätzungen aufzubereiten, ist Übersetzungsarbeit und Stakeholder-Management wichtiger den je. “Jeder kennt Coca-Cola aber bei weitem nicht die Grundgesetze der Hydrogeologie”, so Münstermann.
Nicht nur entnehmen die Abfüller nie so viel Wasser, dass der Grundwasserpegel dauerhaft abgesenkt wird. Auch die Wasser-Effizienz, die sogenannte Wasser-Use-Ratio, wird konstant verbessert. Waren früher knapp drei Liter Wasser nötig, um einen Liter Getränk herzustellen, so ist es heute die Hälfte. Auch was die heißen Sommer und steigende Wasserbedarfe angeht, haben Münstermann und sein Team Lösungen parat: “Im Juni, Juli und August brauchen Abfüllanlagen bis zu 20 Prozent mehr Wasser als im Jahresdurchschnitt. Um alles im Griff zu haben, erstellen wir umfassende Wasserbilanzen. Darin erfasst sind nicht nur abgepumptes und genutztes Wasser, sondern auch Abwasser, Verdunstung oder das Wasser, das nötig ist, um die Glasflaschen zu reinigen und Laufbänder zu schmieren. Mit uns erleben die Abfüller keine Überraschungen.” Sein Team belässt es allerdings nicht bei den Wasserbilanzen, sondern schaut sich auch die chemischen und physikalischen Werte genauestens an – inzwischen vom Schreibtisch aus: “Wir können vom Schreibtisch aus Wasserstände, Leitfähigkeit, pH-Wert, Sauerstoffgehalt oder Temperatur kontrollieren und auswerten, Daten, die der Kunde uns bereitstellt. Unsere Kunden bekommen die Ergebnisse übersichtlich geliefert.”
Vom Messwert über Grundwasserstände bis hin zur Stakeholder-Einbindung: Viele Expertisen sind nötig, um heute Abfüller zu unterstützen. “Unser Geheimrezept sind interdisziplinäre Teams und die Lust und Neugierde auf neue Themen.” Es sieht so aus, als würde Dirk Münstermann in den kommenden Jahren keinesfalls langweilig werden.